Geheimnisvolle Farbfelder: Vor 50 Jahren wurde die Rothko-Chapel eingeweiht

In seinen Bildern kann man sich verlieren. Wenn Menschen beschreiben, wie Werke von Mark Rothko auf sie wirken, sprechen sie oft von „Verschmelzen“ oder „Einswerden“ – als würden sie eine religiöse Erfahrung in Worte fassen wollen. Wohl wegen dieser Wirkung hatten die Ölmillionäre und Mäzene John und Dominique de Menil Mark Rothko beauftragt, einen spirituellen Raum zu gestalten: die später so genannte Rothko Chapel.

Entstanden ist ein einzigartiger Raum der Stille: Die Rothko-Chapel in Houston, Texas, gehört keiner Konfession oder Kirche an. Kein Altar oder Kreuz sind hier zu sehen. Die karge Einrichtung besteht lediglich aus vier Bänken und 14 großformatigen Gemälden. Jahrelang hatte Mark Rothko an den riesigen, monochromen Bildern gearbeitet, doch die Einweihung 1971 konnte er nicht mehr miterleben. Seit nunmehr 50 Jahren steht die Kapelle nun schon Kunstliebhabern und Pilgern offen: Anziehungsort für Menschen, welche die Stille suchen – oder sich in den Anblick dieser vibrierenden Farbflächen versenken wollen.

Die hypnotische Wirkung der gewaltigen, düsteren Bilder ist beabsichtigt. Schicht um Schicht legte der Maler übereinander, wie Schleier, hinter denen man Licht erahnt. Der Blick findet keinen Halt auf den verschwommenen Flächen; man meint, in eine leuchtende Tiefe zu schauen, in farbig pulsierende Räume.“Wenn Menschen vor meinen Bildern weinen, machen sie dieselbe religiöse Erfahrung wie ich beim Malen“, erklärte Mark Rothko in einem seiner seltenen Interviews.

Obwohl er selbst den Begriff ablehnte, gilt Mark Rothko bis heute als wichtigster Vertreter des „Abstrakten Expressionismus“. Die gegenständliche Malerei war für ihn eine Sackgasse – es gab nichts, das er „abbilden“ wollte. Der abstrakten Malerei, die in Europa entstanden war, misstraute er jedoch auch, da er sie für kalt, rational und im schlimmsten Fall für „bedeutungslose Dekoration“ hielt. „Bilder müssen geheimnisvoll sein“, sagte Rothko.

Geheimnisvolle Farbfelder

Tatsächlich scheinen die Farbfelder Rothkos auf viele Menschen emotional und auch spirituell berührend zu wirken; der Kunstkritiker James Elkin konstatierte, dass „die meisten Leute, die vor Bildern des 20. Jahrhunderts weinen, dies vor Bildern von Mark Rothko taten“. Auch der Soziologe Philip Francis, der eine Studie zu religiösen Erfahrungen mit moderner Kunst gemacht hat, berichtet von einem Mann, für den die Begegnung mit Werken von Rothko überwältigend war. Ohne sie, sagte der Mann, „hätte ich niemals meine konservative evangelikale Weltanschauung aufgegeben. Ich saß da fünf Stunden lang, und alles löste sich auf.“

Die Kapelle, die er für die Menil Foundation in Houston/Texas gestaltete, sah Rothko als einen Höhepunkt seines Schaffens. Akribisch plante er den gesamten Bau, die Architektur ebenso wie die Inneneinrichtung. Obwohl er schwer krank war, arbeitete er mehrere Jahre mit Hilfe von Assistenten an den riesigen, über drei Meter hohen Bildern. Die Eröffnung der Kapelle im Februar 1971 hat er nicht mehr erlebt.

Kunst und Klang

1972 widmete der Komponist Morton Feldman Rothkos Kunst eine Komposition für Sopran, Alt, gemischten Chor und Instrumente. Deren „Klangbalance und Klangfarbe wurde in hohem Maße bestimmt durch den Raum der Kapelle, aber auch durch die Bilder“, sagte Feldman. Die Musik „sollte sich über den ganzen Raum verbreiten und nicht aus Distanz gehört werden.“

Jetzt ist die Kapelle, die wegen der Corona-Pandemie größtenteils geschlossen war, wieder zugänglich. Viele der für das Jubiläumsjahr geplanten Veranstaltungen konnten nur digital stattfinden. Doch ein Höhepunkt steht noch aus: Im Februar 2022 soll ein Werk des Komponisten Tyshawn Sorey uraufgeführt werden, das dieselben Instrumente benutzt wie Morton Feldmans Komposition. (Andrea Teupke)

Mehr dazu:

50 Jahre Rothko Chapel

Weltpremiere: Tyshawn Sorey: Rothko Chapel 50th Anniversary Commission

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